Forschungen zu Organspende-Kampagnen

Ja? Nein? Vielleicht?

Dr. Susanne Langer Kommunikation und Presse
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Originalartikel hier zu lesen)

Projekt erforscht Einstellungen zur Organspende

Seit zwei Jahren erforscht das Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in Kooperation mit dem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), was die Entscheidung gegen eine Organspende motiviert und welche Rolle die öffentliche Diskussion dabei spielt. Dafür interviewte das Projektteam 60 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet, die einer Organspende skeptisch gegenüberstehen. Zusätzlich wurden über 80 Plakatmotive von Organspende-Kampagnen analysiert. Erste Ergebnisse der Studie werden bei der öffentlichen Podiumsdiskussion „Organspende zwischen Aufklärung und Reklame – ein Gespräch über Kampagnen, Medien und Kritik“ am Montag, 18. Juli, in der alten Universitätsbibliothek Erlangen diskutiert.

Einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge steht der Großteil der Deutschen einer Organspende nach dem Tod positiv gegenüber. Dennoch dokumentiert nur eine Minderheit ihre konkrete Bereitschaft, etwa auf einem Organspendeausweis. Die sozialen Gründe für diese Diskrepanz sind bislang wenig erforscht. In den Medien und der öffentlichen Debatte wird der Mangel an Spenderorganen zumeist auf den fehlenden Spendewillen der Bevölkerung zurückgeführt. „Um Zurückhaltung und Skepsis zu überwinden, wird in Kampagnen an die Bereitschaft der Menschen zur Organspende appelliert“, sagt Prof. Dr. Frank Adloff vom Institut für Soziologie der FAU. „Als Gründe für eine Verweigerung werden dabei vor allem mangelnde Informiertheit oder Misstrauen in das Transplantationssystem vermutet, ohne dass dieser Zusammenhang bisher geprüft worden wäre.“

Gemeinsam mit Prof. Dr. Silke Schicktanz und Solveig Lena Hansen vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen haben Prof. Dr. Frank Adloff und Dr. Larissa Pfaller die Motivationen für oder gegen eine Organspende nach dem Tod erforscht. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „Ich möchte lieber nicht. Das Unbehagen mit der Organspende und die Praxis der Kritik“ wurden die Ursachen kritischer Positionen ergründet, die in Interviews und Gruppengesprächen geäußert wurden. Außerdem haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die moralischen Botschaften öffentlicher Kampagnen von Gesundheitsorganisationen in den Blick genommen. Bisher wurden 60 Teilnehmer interviewt und 83 Postermotive analysiert.

Suggestive Kampagnen erschweren freie Entscheidung

Ein genauer Blick auf die Kampagnen zeigt: Obwohl sich jede Bürgerin und jeder Bürger frei entscheiden können soll, wird ihnen ein „Nein“ zur Organspende nicht leicht gemacht. Silke Schicktanz: „Organspende wird als sozial erwünschtes Verhalten dargestellt. Es wird suggeriert, eine Entscheidung zur Organspende sei leicht und einfach zu treffen, Organspender und Organspenderinnen übernähmen Verantwortung für ihre Familien und linderten das Leiden von Personen, die auf ein Organ warten. Bedenken hingegen werden gänzlich ausgeblendet, und so fühlen sich die Menschen durch die Kampagnen nicht in erster Linie gut informiert und zu einer tieferen Auseinandersetzung aufgerufen, sondern subtil unter Druck gesetzt.“ Teilweise, so Schicktanz weiter, würden auch Fehlinformationen dargestellt. So suggerierten Slogans wie „Du bekommst alles von mir, ich auch von Dir?“, dass es von der eigenen Haltung zur Organspende abhängt, ob man im Notfall selbst ein Organ bekommen würde.

Entscheidung gegen Organspende oft kulturell bedingt

Die begleitenden Interviews und Gespräche zeigen, dass der Wunsch, keine Organe zu spenden, nicht einfach auf mangelnde Information oder Misstrauen reduziert werden kann. Vielmehr ist die Skepsis gegenüber einer Organspende auch an tiefgreifende kulturelle Vorstellungen von Tod und Körperlichkeit gebunden. So bezweifeln nicht wenige, dass der Hirntod, eine Voraussetzung für Organspenden, mit dem endgültigen Tod des Menschen gleichgesetzt werden kann. Zudem stellt für viele der Befragten die Entnahme von Organen auch nach dem Tod einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit dar. „Das Unbehagen, das mit einer solchen Vorstellung verbunden ist, kann nicht einfach übergangen oder als irrational abgetan werden“, sagt Silke Schicktanz. „In Kampagnen und der öffentlichen Diskussion werden solche Haltungen jedoch nicht adressiert, dabei sind der Schutz des eigenen Lebens und der Wunsch nach einem respektvollen Umgang mit dem eigenen Körper nach dem Tod gute Gründe für eine  Entscheidung – auch gegen eine Organspende.“

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