Hirntod-Diagnosefehler: 27,5% falsch!

Gemäß Ärztezeitung vom 30.03.2016 sind Formfehler bei der Hirntod-Diagnose keine Seltenheit.

BREMEN. Immer wieder schleichen sich bei der Hirntoddiagnose Fehler ein – möglicherweise auch, weil Diagnosesteller im Umgang mit den Kriterien unsicher sind.

Darauf weisen die Ergebnisse überprüfter Hirntodprotokolle hin, die die Osnabrücker Neurologin Dr. Elisabeth Rehkopf jüngst auf dem Workshop „Hirntod-Diagnostik und begleitende intensivmedizinische Maßnahmen“ auf dem „Symposium Intensivmedizin und Intensivpflege“ präsentierte. Danach konnte nicht immer der Hirntod der Spender bestätigt werden.

16 von 58 Hirntod-Protokolle nicht bestätigt

Die Ergebnisse zeigen, dass in Niedersachsen, Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein in den Jahren 2001 bis 2005 in 16 der 58 unterschriebenen Hirntodprotokolle die Hirntoddiagnose nicht bestätigt werden konnte. Bei fünf der 16 Patienten konnten noch Spontanatmung oder Hirnaktivität im EEG nachgewiesen werden, so Rehkopf.

Zu den 16 Fällen gehörten gar nicht oder fehlerhaft durchgeführte Apnoetests, solche bei denen trotz erhaltener eine ausgefallene Spontanatmung attestiert wurde und solche, bei denen trotz Kenntnis positiver Medikamentenspiegel klinisch der Hirntod diagnostiziert wurde, so die Untersuchung.

In einem Fall sei die Hirnstromkurve (EEG) falsch als Null-Linien-EEG gedeutet worden. In einem anderen Fall fehlte der Nachweis der Irreversibilität des Hirntodes. Zweimal führten fehlerhafte CCT-Befunde zu falschen Diagnosen und damit zu Fehlschlüssen im Ablauf der HTD. Zudem fand Rehkopf einige Formfehler.

Expertin fordert bessere Qualifikation

Sie fordert daher eine bessere Qualifikation der hirntodfeststellenden Ärzte: „Es liegt an der Qualität der Untersucher“, sagte Rehkopf. „Die Hirntoddiagnostik ist in 99,9 Prozent aller Fälle sicher, aber die Untersucher sind es nicht in diesem Maße.“

Im Juli 2015 hat die Bundesärztekammer neue Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes erlassen. Sie legen fest, dass die für die Hintod-Diagnostik zuständigen Ärzte auf dem Protokollbogen bestätigen müssen, dass sie Fachärzte (Neurologe oder Neurochirurg) und zur klinischen und apparativen Hirntod-Diagnostik in der Lage sind sowie die Indikation zur Diagnostik eines irreversiblen Hirnfunktionsausfall prüfen können.

Dr. Detlef Bösebeck, geschäftsführender Arzt in der Region Nord-Ost der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die Dokumentationsqualität der Hirntod-Diagnostik im zweiten Halbjahr 2015 in der Region Nord-Ost gesichtet, also nach den neuen BÄK-Bestimmungen.

„Wir haben 51 Dokumentationen geprüft“, sagte Bösebeck zur „Ärzte Zeitung“. „25 Prozent wiesen formelle Fehler auf, etwa Flüchtigkeitsfehler beim Ausfüllen,“ so Bösebeck. Und weitere 25 Prozent mussten teilweise wiederholt werden, weil etwa die Reihenfolge von klinischer und apparativer Untersuchung nicht eingehalten wurde.

„Aber es gibt keinen Fall, der kritisch gewesen wäre, wo eine Organentnahme stattgefunden hätte und der Spender nicht tot gewesen wäre.“ Für Bösebeck liegen die Dinge deshalb anders als für Rehkopf: „Die Qualität der Ärzte ist gut, aber die Kenntnisse der neuen Richtlinie sind verbesserungswürdig. Die gefundenen Fehler haben mit der Umstellung der Richtlinien zu tun und mit den neuen Protokollen. Das ist keine Frage der Qualifikation der Ärzte.“

Allerdings forderte er für kleinere Krankenhäuser ohne Neurologen und Neurochirurgen qualifizierte Konsiliardienste für die Hirntoddiagnostik.

 

Lesen Sie dazu auch: „Gravierende Fehler bei Hirntod-Diagnosen“ (Beitrag vom 3. März 2014) und
„Offener Brief von Chefarzt Prof. Dr. med. Andreas Zieger zur Causa Hirntod“ (Beitrag vom 17. März 2014)

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Schockierender Vorschlag in Großbritannien: Kinder als „Ersatzteile“

Die Britische Transplantationsgesellschaft schlägt vor, schwangere Frauen, deren Kinder schwere Missbildungen aufweisen, nur im Hinblick auf eine spätere Organentnahme von einer Fortsetzung der Schwangerschaft zu überzeugen

Herrscht in Großbritannien ein Mangel an Organen für Transplantationen? Einige Ärzte haben eine Lösung gefunden: Schwangere, deren Föten in den ersten Phasen der Schwangerschaft Krankheiten entwickeln, von einer Abtreibung abzuhalten, um dem National Health Service die Entnahme und Verwendung von Organen der Babys zu ermöglichen.

Die von der Daily Mail in Umlauf gebrachte Nachricht löste bereits starke Kontroversen aus. Die Anhänger dieser umstrittenen Lösung begegneten einander im Rahmen einer Ärztekonferenz in Glasgow bei der British Transplantation Society. In Anbetracht der Tatsache, dass in den vergangenen zwei Jahren im gesamten Vereinigten Königreich nur 11 Kinder unter zwei Monaten zu „Spendern“ von Organen wurden, entstand die Überlegung der Ärzte, diese Praxis auf bis zu 100 Kinder pro Jahr auszuweiten.

Einer der Befürworter, der Chirurg Niaz Ahmad vom St. James’s University Hospital in Leeds behauptete ohne Umschweife: „Wir befinden uns vor einer gültigen Quelle für landesweite Organtransplantationen“. Dem fügte der Chirurg hinzu, dass viele Ärzte diese Möglichkeit nicht einmal kannten, weshalb Aufklärungsarbeit notwendig sei.

Eine Möglichkeit betreffe Kinder, bei denen im Laufe der Schwangerschaft eine  angeborene Fehlbildung des Hirns namens Anenzephalie diagnostiziert worden sei. Laut den englischen Ärzten bestehe bei diesem Problem, das nach 12 Wochen am Fötus festzustellen sei, eine sehr geringe Überlebenschance.

Ihrem Vorschlag zufolge müssten die Mütter von Kindern mit dieser Krankheit diese zur Welt bringen und nach der ärztlichen Feststellung deren Todes sollten die Organe entfernt werden. Wichtig ist, dass die Organentnahme nur bei Vorliegen eines Hirntodes erfolgen kann. In diesem Fall wird der Spender einer künstlichen Belüftung unterzogen, um der unwiederbringlichen Einstellung der Aktivitäten entgegenzuwirken.

Im vergangenen Jahr wurden in Großbritannien die Leitlinien bezüglich der Organentnahme geändert, um Chirurgen vorbehaltlich der Erlaubnis der Eltern die Entnahme von Organen von Neugeborenen im Vergleich zur Vergangenheit zu erleichtern.

Im Jahr 2014 erlangte die Debatte auf der Insel große Aktualität, als Teddy Houlston zum jüngsten Spender in der Geschichte Großbritanniens wurde. Der von Anenzephalie betroffene kleine Junge starb kurz nach seiner Geburt und wurde gerade 100 Minuten später einer Organentnahme unterzogen. Seine beiden Nieren und Herzklappen retteten einem Erwachsenen das Leben.

Nicht wenige Ärzte bleiben jedoch vehemente Gegner der Vorstellung, seelisch verletzte Mütter nach der Feststellung einer Fehlbildung ihres Ungeborenen davon zu überzeugen, dieses nur auszutragen, um eine im Operationssaal einzusetzende Organreserve zu erhalten.

Dieser Ansicht ist Prof. Trevor Stammers, der Leiter der Universität für Bioethik St. Mary. Er gibt dazu die folgende energische Stellungnahme ab: „Ehrlich gesagt wäre es widersinnig, wenn Ärzte Mütter von Kindern mit einer schweren Krankheit, die noch nicht einmal geboren sind, mit dem alleinigen Ziel aus dem Körper ihrer Kleinen Organe zu entnehmen, darum bäten die Schwangerschaft zu Ende zu führen“.

Stammers weist auf das Paradoxon hin, wonach Frauen in diesen Fällen bisher zur Abtreibung unter Druck gesetzt worden seien, sodass man sie im Falle eines Wunsches der Fortsetzung der Schwangerschaft als „dumm“ bezeichnet habe. In diesem Zusammenhang äußert der Arzt die Überlegung: „Es ist besorgniserregend, dass diese Frauen nun zu einer Fortsetzung der Schwangerschaft ermutigt werden sollen, wobei die ausdrückliche Absicht besteht, dem Kind Organe zu entnehmen. Was würde geschehen, wenn sie ihre Meinung ändern, sobald sie ihr neugeborenes Kind sehen?“

Laut Stammers handelt es sich um eine „makabre Empfehlung“, die das Vertrauen der öffentlichen Meinung gegenüber der Transplantation erschüttern könne. Stammers spricht diesbezüglich von „einem der bedeutendsten Fortschritte in der Medizin“. Er ergänzt, dass das Kind so zu einem „Mittel zum Zweck der Sammlung von Ersatzteilen“ degradiert werde.

Vor diesem Hintergrund stellt sich Prof. Stammers die Frage: „Ja, diese Organe haben das Potenzial, anderen das Leben zu retten, doch wie hoch ist der Preis für unsere Menschlichkeit?“ Laut Meinung des Professors zollt dieser Vorschlag dem Leben keinen Respekt und knüpft an die traurige Praxis an, die Organe von durch Euthanasie getöteten Erwachsenen zu verwenden (Originalartikel hier zu lesen)