„Was Sie verlieren, wenn Sie den Organspendeausweis unterschreiben“ und „Mein Körper – mein Eigentum?“

In diesem Jahr erhalten über 70 Millionen Menschen im Alter von über 16 Jahren in Deutschland erneut einen Organspendeausweis zugesandt.

Seine Organe zu spenden klingt nobel, den Organspendeausweis dafür zu unterschreiben erscheint simpel und mit keinerlei Nachteilen verbunden, doch den Wenigsten scheint wirklich bewusst zu sein, was sie mit ihrer Unterschrift tatsächlich verlieren. So lautet es auf dem Spendeausweis:

„Für den Fall, dass nach meinem Tod eine Spende von Organen/Geweben zur Transplantation in Frage kommt, erkläre ich:

JA, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Feststellung meines Todes meinem Körper Organe und Gewebe entnommen werden.“

Was geben Sie also auf, wenn Sie das auf dem Organspendeausweis ankreuzen? Ihre Organe und Gewebe, ja natürlich – aber noch viel mehr.

Sie geben Ihr Recht auf „informierte Einwilligung“ auf. Dies ist eine Wortschöpfung nach dem englischen Vorbildsbegriff Informed consent, auch Einwilligung nach erfolgter Aufklärung, und bezeichnet im Zusammenhang mit einer medizinischen Behandlung die von Information und Aufklärung getragene Einwilligung des Patienten in Eingriffe und andere medizinische Maßnahmen.

Aufgrund des Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrechts des Patienten dürfen nur solche Behandlungen durchgeführt werden, die vom Willen des Patienten getragen sind. Mit anderen Worten: Wenn ein medizinischer Eingriff bzw. eine Behandlung für Sie notwendig sein sollte, muss Ihr behandelnder Arzt Ihnen die dafür notwendigen Informationen geben, um eine diesbezügliche Entscheidung treffen zu können.

Mit dem Ankreuzen des ersten Feldes auf dem Organspendeausweis verlieren Sie dieses Recht jedoch. Ärzte müssen Ihnen bzw. Ihren Angehörigen nicht sagen, was sie mit Ihrem Körper während einer Organentnahme anstellen, da Sie ja „tot“ sind – und damit über keinerlei Rechte mehr verfügen. Die haben Sie ja freiwillig abgegeben.

Und so wissen auch die Wenigsten,…

dass neben Lunge, Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse, Milz, Dünndarm, auch Gewebe wie Augen-Hornhaut (Kornea), Blut, Teile der Haut, Knochenmark, Gliedmaßen (z. B. für Hand-, Fußtransplantationen etc.), Gesicht, Kehlkopf, Gehörknöchelchen, Sehnen und zuletzt das Herz entnommen werden können.

Die Multiorgangewinnung bewegt sich heute übrigens schon bei ca. 85% aller Organentnahmen! Bleibt also in den meisten Fällen nicht mehr viel übrig von dem, was einst ein besonderer Mensch war.

Natürlich kann man an dieser Stelle einwenden: „Ich muss ja nicht das erste Feld ankreuzen. Ich kann bestimmte Organe ausnehmen bzw. die Entnahme auf bestimmte Organe eingrenzen.“

Das ist schon richtig. Die Frage, die sich allerdings hier stellt ist, wie viele von denen, die der Einfachheit halber gleich das Oberste ankreuzen (das uns ja schließlich gerne suggeriert bzw. mitunter schön vorgemacht wird), ist denn wirklich bewusst, was sie hier verlieren?

Denn direkt darauf hingewiesen wird man ja nicht – eher von „hinten rum“, mit dem Vermerk:
Wenn Sie das erste Feld ankreuzen, stimmen Sie einer Entnahme von Organen und Geweben uneingeschränkt zu.“

Was aber wohl nicht ganz das gleiche ist und man schon sehr genau zwischen den Zeilen lesen bzw. sich Detailinfos oft mühselig zusammen suchen muss. Und unter solch gegebenen Umständen kann dann ja wohl kaum mehr von einer „Aufklärung“ bzw. von „informiert“ gesprochen werden.

 

Mein Körper – mein Eigentum?

Die Frage, ob wir Eigentum an unserem Körper haben, würden die meisten wahrscheinlich intuitiv sofort bejahen. Doch der Körper ist keine Sache wie alle andern.

Dies wird u.a. bei der Widerspruchsregelung klar deutlich, bei der in Ländern wie z.B. Österreich und Spanien jeder automatisch als Organspender gilt, so Ferne er nicht zu Lebzeiten widersprochen hat.

Was ist hier eigentlich mit dem Eigentumsrecht an unserem Körper? Werden mit der Widerspruchsregelung nicht unsere Menschenrechte verletzt?

Wir haben diese Frage einem Juristen in Österreich gestellt und folgende Antwort darauf erhalten:

„Nach Art. 8 Abs. 1 der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK), welche in Österreich seit 1964 im Verfassungsrang steht, hat jedermann das Recht auf Achtung seines Privat- und Familienlebens, worunter insb. die körperliche und geistige Integrität einer Person zu verstehen ist.

Nach Art. 8 Abs. 2 EMRK darf in dieses Recht jedoch eingegriffen werden, insoweit dieser Eingriff gesetzlich vorgesehen ist es sich um eine Maßnahme handelt, die in einer demokratischen Gesellschaft insb. zum Schutz der Gesundheit notwendig ist. Die Widerspruchslösung – welche im Übrigen die Verfügungsmöglichkeiten der jeweiligen Person unberührt lässt – hat ihre gesetzliche Grundlage in § 5 Abs. 1 des Organtransplantationsgesetzes (OTPG) und stellt eine Maßnahme dar, die diesen Anforderungen – die möglichst umfassende Versorgung mit Organen dient dem Schutz der Gesundheit der Allgemeinheit – entspricht.“

Sehr interessant. Also in unser Eigentumsrecht darf „eingegriffen“ werden, mit anderen Worten ein „Recht“ mit Einschränkungen, was eigentlich wiederum bedeutet, dass wir dann doch keine Rechte haben, oder? – und das ist dann auch noch rechtmäßig.

Und wie sollen die Organe eines Einzelnen die „Gesundheit der Allgemeinheit“ schützen? Die Organe eines Einzelnen können doch nur einer anderen einzelnen Person bzw. bei Multiorganentnahmen bestenfalls 2-4 weiteren Personen eingesetzt werden – aber dann kann auch nicht von Allgemeinheit gesprochen werden.

Und wieso „Gesundheit schützen“? Menschen, die ein Organ benötigen, haben ihre Gesundheit bereits verloren – entweder bereits von Geburt an, durch einen Unfall, Krankheit oder unachtsame Lebensweise. Ein Fremdorgan kann ihnen das auch nicht wieder zurückgeben und ein glückliches, uneingeschränktes, normales Leben ermöglichen – es sei denn, man lässt sämtliche negativen Begleiterscheinungen (wie chronische Krankheiten verursacht durch die (rest)lebenslange Abhängigkeit der Immunsuppressiva, ein damit verbundenes weit erhöhtes Sterberisiko, psychische Belastungen etc. etc.) einfach alles außer Acht.

Auch nicht uninteressant in diesem Zusammenhang ein Artikel von Association of Aesthetic Practioners vom 23. Okt. 2014

EU plant, Patienten Recht am eigenen Körper zu entziehen

Es ging durch alle Medien – ein querschnittgelähmter Patient lernt nach einer Zelltherapie wieder gehen. Ein sensationeller Erfolg, der vielen Menschen Hoffnung gibt. Doch so ein Behandlungserfolg engagierter Ärzte könnte bald in der EU illegal sein, weil er nicht mit einem „zugelassenen“ Zellpräparat erfolgte:

Die EU bereitet nämlich im Stillen einen weitgehenden Einschnitt in die menschlichen Grundrechte vor:

Menschen sollen bald nicht mehr frei über ihren Körper und ihre Körperzellen – konkret zu Heilzwecken – verfügen dürfen, sondern Pharmafirmen könnten ein faktisches Monopol auf die Verwendung von menschlichen Zellen zu Heilzwecken erhalten. (Hier weiterlesen)

Und auch hier ein interessanter Aspekt von bpb (Bundeszentrale für politische Bildung) zum Thema „Eigentum am Körper“:

Darf der Mensch über seinen Körper frei entscheiden? Und inwieweit dürfen etwa Forscher über Körpermaterial Dritter verfügen?

Häufig wird das Recht auf Kontrolle, das möglicherweise die völlig freie Verfügung über den eigenen Körper erlaubt, in engen Zusammenhang zum Eigentumsrecht gesetzt. Wie zu sehen sein wird, ist zwar zu bezweifeln, dass die Ansammlung von individuellen Rechten, die den eigenen Körper betreffen, ausschließlich durch ein generelles Eigentum am Körper begründet werden könnte. Falls aber das Eigentumsrecht am eigenen Körper tatsächlich gerechtfertigt werden könnte, so wären anscheinend weitgehende Eingriffe am und Verfügungen über den Körper legitimiert, denn Eigentum führt üblicherweise ein sehr ausgedehntes Verfügungsrecht mit sich.

Interessanterweise ist – trotz der bedeutenden Folgen entsprechender Regelungen – der rechtliche Status des Körpers und dazugehöriger Materialen in fast allen Ländern weithin ungeklärt. (Hier weiterlesen)

Also, seien Sie sich bewusst, was Sie wirklich verlieren, wenn Sie den so harmlos erscheinenden Organspendeausweis unterschreiben – denn, „entscheidend ist nicht nur die Entscheidung“, sondern vor allem deren Konsequenzen. Jede Entscheidung hat Konsequenzen – auch sich zu entscheiden, gar nichts zu tun. Am Beispiel Österreich verdeutlicht (gar nichts zu tun = automatisch Organspender oder besser gesagt „Organopfer„), sodass damit sogar Ihre Menschenrechte verletzt werden dürfen.

 

Clubkarte Club Dead

„Die kürzesten Wörter, nämlich ‚ja‘ und ’nein‘, erfordern das meiste Nachdenken.“

Pythagoras von Samos

 

Abschließend sei auch noch auf folgenden Vermerk, der bei Organspendeausweis-Infoblättern zu finden ist, hingewiesen:

„Wenn Sie das vierte Feld ankreuzen, widersprechen Sie jeglicher Entnahme von Organen und Geweben.“

ACHTUNG! Dies kann man auch generell so nicht sagen, denn ein angekreuztes „Nein“ in Deutschland gilt nicht automatisch für alle Länder!

In einigen Ländern Europas müssen Sie sich auch als Urlauber entweder in einem Widerspruchsregister eintragen lassen bzw. nach dem jeweiligem Landesrecht vorherrschenden Bedingungen einen diesbezüglichen Widerspruch mit sich führen. Tun Sie das nicht, verlieren Sie u.U. das Widerspruchsrecht in einigen Ländern und gelten automatisch als Organspender (mehr Infos dazu in unserem Artikel „Organspendeausweis – Warnung vor falschen Informationen“ und auf unserer Homepage)

 

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4 Antworten zu “„Was Sie verlieren, wenn Sie den Organspendeausweis unterschreiben“ und „Mein Körper – mein Eigentum?“

  1. Einerseits ist es vielleicht nicht verständlich, dass in Österreich jeder automatisch Organspender ist, aber andererseits ermöglicht dies viele Möglichkeiten, da viele Menschen in ihren Leben nie über einen Organspenderausweis nachdenken… Persönlich finde ich es richtig und dazu anraten, sich einen Ausweis machen zu lassen, falls man nicht in Österreich wohnt. Hier gibt es weitere Infos über Transplantationen und den Organspenderausweis. Ich denke, wenn man jemanden hat, der auf ein lebenswichtiges Organ wartet, dann wird man sich der Thematik bewusster…

    • Ich respektiere jede Meinung, solange man sich gründlich mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Allerdings möchte ich in Ihrer Argumentation gerne auf einige Punkte eingehen – wenn Sie gestatten:
      1. Sie sagen: „Einerseits ist es vielleicht nicht verständlich, dass in Österreich jeder automatisch Organspender ist, aber andererseits ermöglicht dies viele Möglichkeiten, da viele Menschen in ihren Leben nie über einen Organspenderausweis nachdenken..“

      Wenn ich Sie richtig verstehe wollen Sie damit sagen, dass es besser ist, Menschen automatisch zu einem Spender zu stempeln, da sie andernfalls sich niemals mit der Thematik auseinandersetzen würden und dadurch keine Spender zur Verfügung stehen?

      Wie kann es richtig sein, Menschen eine derart wichtige Entscheidung aufzuoktroyieren – bei der sogar die Eigentumsrechte des Körpers verletzt werden dürfen? Und dies auch noch, ohne darüber informiert zu werden! Ein Großteil der österreichischen Bevölkerung weiß weder darüber Bescheid, dass sie bereits zum Organspender gestempelt worden sind noch, dass sie sich in einem Widerspruchsregister eintragen müssen, falls sie das nicht möchten. Dass nur ca. 0,29% der Österreicher im Register eingetragen sind, untermauert dies. Und welcher Urlauber weiß schon, dass er ebenfalls ungefragt als Organspender herangezogen werden kann, falls er dort verunglückt?

      Die wenigsten Menschen wollen schon bei unwichtigen Belangen nicht, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird, wieso soll das also ausgerechnet bei einer derart gravierenden Entscheidung, die meinen eigenen Körper betrifft, gerechtfertigt sein?

      Oder was würden Sie umgekehrt dazu sagen, wenn es beispielsweise ein Gesetz in Deutschland geben würde, bei dem jeder automatisch dazu verpflichtet wäre, ein Auge zu spenden, falls es dringend benötigt würde – schließlich haben Sie ja noch ein 2.? Würden Sie nicht gerne darüber Bescheid wissen bzw. selbst mitbestimmen wollen?

      Zu weit hergeholt, meinen Sie? Durchaus nicht. Sri Lanka gilt als einer der größten „Augenlieferanten“ weltweit. Die Kornea-Lieferungen gehen derartig gut, dass mittlerweile sogar eine eigene staatliche „Augen-Bank“ gegründet wurde. Die Bereitschaft, ein Auge zu spenden, hat sich dort im Laufe der Jahre derartig etabliert, dass es schon fast ein Bestandteil ihrer Kultur wurde. Menschen gehen freiwillig zu den Ärzten und fragen: „Kann ich zu Lebzeiten ein Auge spenden, schließlich habe ich ja zwei?“. Also wieso nicht auch das aufgreifen und ein Gesetz dazu beschließen?

      2. Sie sagen auch, dass dadurch viele „Möglichkeiten eröffnet werden“. Möglichkeiten für wen? Für den einzelnen Bürger wohl kaum – denn die wenigsten wissen noch nicht einmal etwas von diesen Regelungen.

      3. Wie kann es richtig sein, Gesetze zu beschließen, von denen die wenigsten wissen, dass sie überhaupt existieren, wo Sie zu etwas gemacht werden, was Sie vielleicht gar nicht wollen und auch die damit verbundenen Konsequenzen nicht ausreichend bekanntgemacht werden?

      Der Staat verlangt eine Entscheidung von den Bürgern – dann muss aber auch sichergestellt sein, dass die Menschen über SÄMTLICHE damit zusammenhängende Aspekte informiert werden. Das ist jedoch nicht der Fall.

      • Lieber Herr Renner, ich bin SEHR FROH, auf Ihre Seite gestoßen zu sein. Wie oft war ich schon in Österreich und Italien im Urlaub und habe nie an die möglichen, entsetzlichen Folgen im Fall eines Unfalls gedacht? Da wird mir ja im Nachhinein noch ganz schlecht. Ab sofort lasse ich mir vor jedem Auslandsaufenthalt – egal wo auf der Welt – die entsprechenden Widerspruchsdokumente von Ihnen erstellen und wo es geht andere Menschen auf dieses unheilvolle Thema und Ihre Arbeit aufmerksam machen.

      • Danke Andrea, für Ihren Kommentar. Ja, dieses Risiko ist einem solange nicht bewusst, solange man nicht über die Sachlage Bescheid weiß. Falls Sie Fragen bezüglich Reisen ins Ausland haben, können Sie jederzeit orgaNOs kontaktieren. Danke auch für Ihre Unterstützung, uns bei der Verbreitung dieses Themas zu helfen!!

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